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Von Santiago reisen wir mit dem Bus nach La Tierra del Sol y Buen Vino, ins Land der Sonne und des guten Weins. So nennen die mendocinos, die Bewohner der Provinz Mendoza, stolz ihre Heimat. Am beruehmtesten chilensichen Skiort El Portillo vorbei ueberqueren wir erneut die Andenkette und wir muessen erst mal leer schlucken, als uns auf der Passhoehe aus dem Horcones-Tal heraus die eisige Suedseite des hoechsten Andenriesen, die Pared Sur, unerschrocken anglotzt. Es ist kurz vor Weihnachten und Hauptsaison für den hoechsten Berg Amerikas, den 6962 Meter hohen Aconcagua. Dies wird mein naechstes Ziel sein! Die Weinstadt Mendoza ist der Ausgangspunkt zum Aconcagua Nationalpark: Hier reiht sich ein Bergsteigerladen an den nächsten, fehlendes Equipment und die für die Besteigung notwendige Genehmigung müssen besorgt werden. Es gibt unzählige Agenturen, die massgescheiderte Expeditionen auf den Aconcagua zu hohen Preisen anbieten. Ich entschliesse mich, die Unternehmung selbstständig zu organisieren und finde mich bald im Shopping-Center Carrefour wieder, wo ich mich mit Instant-Gerichten, Energieriegeln, Zwieback und anderen leicht zu transportierenden Lebensmitteln eindecke. Fehlende Ausrüstungsstuecke wie eine Daunenjacke und einen Daunenschlafsack für Temperaturen von minus 35 Grad, Steigeisen-taugliche Doppelschalenschuhe und ein Zelt miete ich mir in einem Spezialgeschäft. Hier regle ich auch den Gepäcktransport mit einem Maultier hinauf ins Basislager.

Das Abenteuer beginnt bei der Puente del Inca, einer durch Erosion natürlich gebildeten, schwefelfarbene Brücke über den Rio Mendoza. Schon im Busterminal in Mendoza fürchtete der Gepäcktraeger beim Anheben meines 45 Kilogramm schweren Expeditionssacks um seine Bandscheiben und auch Pocho, der Maultiertreiber, fragt sich, ob man das dem Lastesel zutrauen kann. Nur das geduldig vor sich her schnaubende Tier war guten Mutes; hat es doch schon Lasten von bis zu 100 Kilogramm die Berge hochgetragen. Neben dem Wetter ist die Akklimatisation eine der entscheidenden Voraussetzungen für die erfolgreiche Besteigung. Schon ab einer Höhe von zweieinhalbtausend Metern beginnt der Körper sich allmählich an die sauerstoffarme Luft zu gewöhnen. Majestätisch liegt er da, der "Weisse Wächter", wie die Inka den Andengipfel nannten, und grüsst mich aus der Ferne mit seiner vereisten Südwand, bevor ich mich auf den zweitägigen Marsch bis zum Basislager auf 4400 Metern aufmache. Endlos zieht sich das Horcones-Tal entlang, als einzige Richtschnur prescht mir nur der gleichnamige Fluss entgegen. Die sich immer wieder hinter gewaltigen Felsarmen verlierenden Schotter- und Schuttebenen bildeten schon die Kulisse für den Film "Seven Years in Tibet", in dem Brad Pitt den Alpinisten Heinrich Harrer darstellte. Jederzeit ist man dem erbarmungslosen Wind ausgesetzt und als mich wieder ein luftiger Peitschenhieb im Gesicht trifft, bleibt mir nur der versöhnliche Gedanke, dass hier schon Hollywood-Stars den Naturgewalten ausgesetzt waren.

Dort, wo das Tal endet, ist die Plaza de Mulas, der Platz der Maultiere. Grell leuchten hier die bunten Hochzelte und lassen mich kurz an die farbigen Christbaeume von Lisbeth denken. Schilder, auf denen "Zeltbar", "Fast Food", "Pizza", "Bier", "Massage", "Ecotoilett" und "Medical Station" steht, reihen sich aneinander und durchbrechen auf einen Schlag die Einsamkeit, in der man sich noch vor wenigen Minuten befand. Während ich mein gelbes Ein-Mann-Zelt aufbaue und mit Steinen gegen den Wind beschwere, merke ich schnell, dass dieser Platz auch eine Zusammenkunft von Menschen unterschiedlichster Nationalitaeten ist. Steven und Matthew, ein Kanadier und ein Australier, erzählen mir von ihrem Besteigungsversuch über den südlichen Polen-Gletscher. Doch die Schilderungen sind nur Beigemüse: In ihren von der Sonne verbrannten Gesichtern liest man auch ohne Worte die orkanartigen Stürme, die sie für 100 Stunden auf einer Höhe von 6000 Metern in ihrem Zelt isolierten. Der Japaner Hiro soll den Gipfel nur mit einer Flasche Tee bestiegen haben, zeigt mir auf seiner Suunto-Uhr die Zahl 6962 als Beweis und schenkt mir seinen mit Manga-Stickern beklebten Gaskocher, da meiner höhenkrank wurde. Beeindruckt bin ich von der technischen Ausrüstung der drei Österreicher Christoph, Wolfgang und Heinz, die meine Mittel wie einen Pfadfinderausflug ausschauen lassen. Von den Österreichischen Alpen und den Dolomiten gestählt haben auch sie das gleiche Ziel wie alle: das Eisenkreuz auf 6962 m.ü.M. Beim Verlassen des Basislagers sind die Annehmlichkeiten vorbei. Ein ausgetretener Trampelpfad schraubt sich ins erste Hochlager, das Nido de Condores. Nun kommen auch die Träger der organisierten Touren ins Spiel: Ein Rucksackturm auf dem Rücken lässt sie nur vorgebeugt gehen, hinter ihnen die Teilnehmer mit leichtem Tagesrucksack. Doch auch viele andere teilen mit mir das gleiche Schicksal: Die vollgepackte Last schnürt sich Schritt fuer Schritt um die Schultern und macht spürbar, mit welchem Zeitlupentempo man unterwegs ist.

Erblickt man den orangefarbene Container der Parkwächter auf 5400 m.ü.M., weiss man, dass man nun in eine reduziertere Welt eintritt. Auf dem sturmumtosten Hochplateau Nido de Condores ist der Aconcagua vermeintlich zum Greifen nahe. Einige ängstliche Felsnadeln versuchen den furiosen Westwind in andere Bahnen zu lenken. Die am wenigsten exponierten Stellen scheinen alle vergeben, doch da finde ich für mein Zelt noch ein geeignete Stelle in einer kleinen Senke. Das Aufstellen des Doite-Zeltes fällt schwer: Wie ein Ballon plustert es sich unaufhörlich im wütenden Wind auf. Schliesslich gelingt es mir, die Hacken in den granitenen Boden zu rammen und die Zeltwand an den herumliegenden Steinen zu verschnüren. Das Schmelzen des Schnees wird zur Hauptbeschäftigung, denn Wasser bedeutet hier umso deutlicher Leben: Bis zu 4 Liter pro Tag sollte man in diesen grossen Höhen trinken. Mein Zeltnachbar Peter, ein Kanadier, erzählt mir stolz, dass er im nächsten Hochlager, dem Campamento Berlin auf 5800 m.ü.M., den letzten Willen seines verstorbenen, aus Argentinien stammenden Vaters erfüllen konnte und dessen Asche dem Wind auf seinem Weg Richtung Osten mitgegeben hat. Solche Geschichten bewegen und rücken den Gipfeltraum plötzlich weit weg. Mitten in der Nacht um 4 Uhr, als die Dunkelheit noch über den Bergen liegt, krabble ich aus meinem Zelt. Nachts habe ich kaum eine Auge zugetan. Zu laut kämpfte der Sturm mit dem Zelt, zu stark nagte die Temperatur an meinen Knochen. Es ist bitter kalt, der Wind macht aus minus 20 gefühlte minus 30 Grad.

Dick vermummt starte ich meinen Aufstieg Richtung Gipfel. Ein Schutthang folgt dem nächsten, dazwischen tupfenweise Schnee, vorsichtiges Gehen ist gefragt. Endlich erhellen die ersten Sonnenstrahlen die umliegenden, teilweise vereisten Andengipfel, auch die Lebensgeister in meinem Körper erwachen zu neuem Leben. Wie ein arroganter Türsteher verweigert mir der Wind da und dort den Zugang zur nächsthöheren Felsstufe, ich sacke zusammen, hole mir mit klammen Fingern ein Power Gel aus meinem Rucksack und warte auf den Energieschub. Die Getreidestengel sind von der Eiseskälte hart wie Einsenstangen. Bunte Daunenjacken bewegen sich den Berg hoch, sich bei jedem Atemzug auf die High-Tech-Karbonstöcke abstützend. "Trinken, ständig trinken!", hat mir der verrückte Spanier aus Saragossa, der den Gipfel bei Schneesturm bestiegen hat, geraten. Das Wasser in der Thermosflasche, die ich eng an meinem Körper trage, ist noch nicht gefroren. Mit klarem Kopf lasse ich die 6000er-Grenze hinter mir, muss aber mit Besorgnis erkennen, dass sich eine Wolkenwand vom Pazifik auf den Berg zuschiebt und der Wind stärker wird. Das Panorama treibt mich voran: Bis nach Chile und nach Norden zum nächsten Bergkoloss, dem Cerro Mercedario (6770 m.ü.M.) im nördlich liegenden Ramada-Gebirge, reicht der Weitblick. Auf 6400 m.ü.M. passiere ich die Überreste des Refugios Independencia, die Holzlatten liegen fragil wie Streichhölzer da.

Vor mir liegt die ansteigende und meist sturmausgesetzte Querung zum Einstieg in den letzten und anstrengensten Abschnitt vor mir: die Canaletta, eine Rinne aus losem Geröll. Der Wind wird immer stärker. Stolpernd kommen mir absteigende Bergsteiger entgegen, von den Luftstössen hin- und hergeworfen. Die Kommunikation ist schwierig, ich schaue in apathische Gesichter. Ein Finne, mit dem ich vorgestern noch im Medienzelt im Basislager die Wetterprognosen studiert habe, deutet mir mit einem Time-Out-Zeichen an, dass für ihn das Abenteuer zu Ende ist. Das ständige Ankämpfen gegen den Wind fordert seinen Tribut, zerrt an meinem Körper. Man läuft und läuft und kommt trotzdem nicht voran. Die Windstärke weiter oben nehme unmenschliche Dimensionen an, teilt mir ein Führer mit und rät mir, nicht mehr weiterzugehen, da ein weiterer Anstieg mit grossen Gefahren verbunden sei. Ein letztes Mal kehre ich in mich ein, wäge Enttäuschung und Machbarkeit gegeneinander ab, drehe dem Berg den Rücken zu und möchte plötzlich nur noch schnell runter. Mit jedem Schritt spüre ich den Druck auf meinem Kopf nachlassen, die Tritte verlangen viel Kraft, die Koordination ist eingeschränkt. Je näher die bunten Zelte des Basislagers kommen, desto mehr spüre ich Leben in meinen Organismus fliessen. Ich erinnere mich an Ursis Worte "Der Weg ist das Ziel!" und freue mich innerlich auf das Weihnachtsfest mit Mona, die in der Zwischenzeit Cordoba besichtigt hat. Traditionsgemäss darf ein Glas Rotwein und ein saftiges Steak nicht fehlen. Aus dem Busfenster erhasche ich einen letzten Blick auf den Berg und weiss, dass ich es eines Tages nochmals versuchen werde.

In Mendoza nehmen wir Notiz von einer weiteren Attraktion dieser Provinz: die Vulkanlandschaft des Parque Provincial Payunia. Wir reisen nach Malargüe, einer unspektakulären Stadt im Süden der Provinz, die einzig durch den nahe gelegenen Skiort Las Leñas bekannt ist. Mit einer Jeep-Exkursion erkunden wir die umliegende bizarr geformte Vulkanlandschaft, die sich deutlich von den Anden im Westen unterscheidet. Im Naturschutzgebiet erheben sich über 800 Vulkane - die höchste Dichte an Vulkankegeln weltweit. Unser Führer Marcello findet für jeden Vulkantyp das passende Anschauungsobjekt. Die Landschaft ist ein Abbild der Weltgeschichte: Überall findet man Versteinerungen und kann die einzelnen geologischen Schichtungen der Erde sehen. Nach fast 10 Stunden im Jeep, geniessen wir am Abend das Bife de Chorizo umso mehr und geben dem bayrischen Ehepaar, das wir auf der Tour kennen gelernt hatten, gerne den Tipp weiter, dass man in Argentinien das Fleisch immer "jugoso", blutig, bestellen sollte.

Fotos Argentinien IV


Gipfel Aconcagua

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