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Zwischen Puerto Montt und Puerto Natales verkehrt die Navimag-Faehre, die urspruenglich nur zum Gueterverkehr gedacht war. Seit neuster Zeit hat sich das Schwergewicht jedoch auf den Passagiertransport verlagert. Die Reise dauert vier Tage und führt vorbei an schneebedeckten Andengipfeln, über offenes Meer und durch enge, von dichten Nebelwaeldern gesaeumten Kanaele, in denen einst die Kaweskar-Indianer in fragilen Holzkanus unterwegs waren. Diese sieht man nicht mehr, dafuer schaltet die Faehre in Puerto Eden einen Zwischenstopp ein, wo die letzten Ueberlebenden dieser urspruenglichen Bevoelkerung immer noch leben. Auf dem Schiff logierten wir in einer fuer die engen Platzverhaeltnisse komfortablen 4er-Kabine mit eigenem Bad, obwohl wir die meiste Zeit im Aufenthaltsraum verbrachten. Wenn Helmut nicht gerade ein Buch pro Tag las, spielte ich mit ihm die Reise-Version von "Die Siedler" (Herzlichen Dank an Conny & Klaus), damit er waehrend seiner Auszeit nicht sein strategisches Koennen einbuessen wuerde. Ursi, die laengere Zeit auf einem grossen Kreuzfahrtschiff gearbeitet hat, bluehte besonders bei starkem Wellengang auf und assistierte dem Dienst tuenden Offizier auf der Kommandobruecke. Mona hatte vor allem auf offenem Meer, im "Golf des Leidens", mit der Seekrankheit zu kaempfen. Damit war sie nicht alleine: Wie gruen angelaufene Gespenster huschten viele Passagiere ueber die Decks. Bei Windstaerke 6 war kein Halten mehr, die Spaghetti Bolognese flogen im Speisesaal durch die Luft und das seetaugliche Kabinenpersonal musste gefallenen Gaesten wieder auf die Beine helfen. Unbeirrt bahnte sich unterdessen die Faehre ihren Weg durch unzaehlige Fjorde und Buchten. Wenn man sich mit aller Kraft auf dem Aussichtsdeck dem Wind entgegenstemmte und das Schauspiel von Wolken, Meer und Wasser beobachtete, konnte man erahnen, was fuer Hindernisse die alten Entdecker an diesem lebensfremden Ort zu meistern hatten. Auf einem Abstecher zum gewaltigen Gletscher Pius XI, der seinen Namen vom bisher einzigen bergsteigenden Papst bekam, erhaschten wir zum ersten Mal das gewaltige Weiss des patagonischen Inlandeises. Als wir fruehmorgens ueber die Reling auf die einsamen Haeuserketten von Puerto Natales schauten, fuehlten wir uns dem Ende der Welt schon ziemlich nahe.

Nun waren wir also in Patagonien angekommen: Immer grenzenloser, ausgedehnter wird die Steppe und ein Blick aus dem Busfenster zeigt uns, dass die Welt manchmal nur aus oben und unten besteht. Patagonien ist ein massloses Nichts, masslos in Weite und sproeder Schoenheit. Der Grenzuebergang auf unserer Fahrt nach El Calafate macht deutlich, dass Patagonien offiziell Argentinien und Chile, tatsaechlich nur dem unablaessig fauchenden Wind gehoert. Vereinzelt passieren wir estancias, herrschaftliche Landhaeuser, die ihre ausgedehnten Landgueter von Zaeunen, Bergen und Seen begrenzen. Von weitem erkennen wir die spiegelglatte, glasgruene Oberflaeche des Lago Argentino, an dessen Ufern die Stadt El Calafate liegt, die ihre Existenz in erster Linie einem weltberuehmten Naturschauspiel verdankt: dem Perito Moreno Gletscher. Bereits am naechsten Morgen brechen wir bei bedecktem Himmel In Richtung Eisriesen auf, hoffend auf die Launenhaftigkeit des patagonischen Wetters. Die Wolkendecke ueber dem ewigen Eis blieb geschlossen und trotzdem konnten wir uns am blaeulich schimmernden Weiss der Gleschterzunge kaum sattsehen. Helmut ging der Sache auf den Grund: Da die Eismasse hier sehr kompakt ist und kaum Lufteinschluesse aufweist, entsteht durch unterschiedliche Lichtbrechung das magische blaue Leuchten der Gletscherspalten. Der Glaciar Perito Moreno ist einer der wenigen Gletscher weltweit, die immer noch wachsen. Mitunter bis zu einem Meter taeglich schiebt sich die Eismasse von den Anden herab, bis die Eisbrocken unter Getoese in den Lago Argentino stuerzen. Furchtlos stiegen wir in ein Schiff, das uns noch naeher an die bis zu 60 Meter hohe Gletscherfront heranbrachte. Bereits auf der Rueckfahrt nach Puerto Natales konnten wir unser naechstes Ziel, die spitzen Granittuerme des Torres del Paine-Nationalparks, die unvermittelt aus der Steppe emporragten, erkennen.

Da Ursi eine ausgewiesene Pisco Sour-Spezialistin ist, goennten wir uns auch in Puerto Natales jeweils als Aperitif dieses chilenische Nationalgetraenk. Ausserdem waren wir genau zur richtigen Fangzeit der centollas, der Koenigskrabbe, in Puerto Natales. Dies traf sich sehr gut, denn nun hiess es, sich genuegend Fettreserven anzuessen und anderen Proviant fuer unser geplantes Trekking im Torres del Paine-Nationalpark zu beschaffen. Im Park wollten wir in fuenf Tagen eine W-foermige Strecke entlang dem Lago Grey, dem Valle Frances und dem Rio Ascensio trekken. Mit dem Eintrittsticket in der Hand, das wir bei der Laguna Amarga fuer 10 Dollar loesen mussten, wand sich der Bus weiter auf und ab unserem Startpunkt bei der Hosteria Grey entgegen und Ursi und Helmut wussten, dass es jetzt kein Zureck mehr gab. Die Schifffahrt zum Grey-Gletscher war stuermisch, der Nebel wattierte die Westseite des Paine-Massivs. Eisberge unterschiedlichster Formen schwammen an uns vorbei; mit etwas Vorstellungskraft konnte man sogar riesige weisse Krokodile sehen. Auch vom Aufenthaltsraum des Refugio Grays aus, wo uns ein liebevoll zubereitetes Nachtessen gereicht wurde, sah man unaufhoerlich Eisbrocken vorbeidriften, die vom Gletscher ausgespuckt wurden. Am folgenden Tag klarte der Himmel fruehmorgens auf und wir konnten die immensen Ausmasse der 20 Kilometer langen Gletscherzunge von einem hoeher gelegenen Mirador nur erahnen. Helmut schlug auf der ersten Tagesetappe ein gleichmaessiges Tempo an, Ursi mit Impuls gebender Stocktechnik knapp dahinter, Mona als unablaessige Motivationskuenstlerin und ich mit unerlaubt schwerem Rucksack, im Stil eines Traegers auf dem Inka-Trail, war das Schlusslicht. Kurz vor dem Refugio Paine Grande setzte leichter Regen ein, gluecklicherweise zum ersten und letzten Mal in den vier Tagen. Die Vielfalt der Landschaft wusste zu begeistern: Wir wanderten durch mannshohe Feuerbuesche, an den Ufern des tuerkisfarbenen Lago Nordenskjölds entlang und beobachteten aus sicherer Distanz, wie haengende Gletscherfronten krachend ins Tal glitten. Und wenn Helmut unvermittelt hinter einer Ecke verschwand, wussten wir, dass er uns jetzt wieder den "Zeiger" Richtung Osten gab: genau dorthin, wohin sich die vom Westwind zerzausten Baeume neigten.

In den Refugios durften alle Helmuts Flip-Flops benutzen, da sie mit ihrer Groesse 46 jedem passten. Selbst Fernando Magellan, der 1512 gerade dabei war, die Welt zu umsegeln, muesste beim Anblick von Helmuts blauen Badelatschen erkennen, dass er in Patagonien, dem Land der "patas grandes", dem Land der grossen Fuesse, angekommen ist. Ein Sprichtwort besagt, dass man in Patagonien alle vier Jahreszeiten an einem Tag spueren kann. Dies liess vor allem Ursi kalt, da sie mit der Funktionswaesche von "Icebreaker" ausgeruestet war. Am letzten Tag gab es nur noch ein Ziel: an den Fuss der Torres. Ueber eine mit schwerem Geroell drapierte Moraene kaempften wir uns hinauf, ueber uns die vereisten Granitzinnen, die Fangzaehne der patagonischen Berge, als lohnendes Ziel. Das war kein Trekking mehr, das war Bergsteigen. Die 1200 Meter hohe, blanke Granitwand der Torres und die vor ihnen liegende silbergraue Lagune vermochte selbst Helmut ein "Wow!" zu entlocken. Wuerdiger haette unsere Trekkingtour nicht zu Ende gehen koennen. Insgesamt sind wir ca. 60 Kilometer gelaufen, haben gegen 2000 Hoehenmeter ueberwunden und freuten uns bereits im Fernandez-Bus auf ein exquisites Fischgericht im Restaurant "Ultima Esperanza", in Puerto Natales. Bald schon mussten wir uns von Helmut und Ursi verabschieden, fuehrten aber noch etwas im Schilde: Auch sie mussten in Punta Arenas von der gewinnenden Toelpelhaftigkeit der Pinguin verzaubert werden. Ihr ahnt es schon: Es ist uns gelungen!

Fotos Chile IV


Lago Nordenskjöld, Torres del Paine, Chile

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