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Von den tiefen Eindrücken in Indien beeindruckt und auch erschöpft, wagen wir uns vor in den gebirgigen indischen Norden der Ausläufer des Himalaja. Eben noch schweissnass in Siliguri, schnupperten wir schon nach einer zweistündigen Jeepfahrt über eine kurvenreiche Bergstrasse in Darjeeling frische Bergluft. Wer es gemütlicher haben will und wen beträchtliche Verspätungen nicht aus der Ruhe bringen, nimmt den von den Engländern vor einhundertzwanzig Jahren gebauten Toy-Train. Noch sind manche Lokomotiven aus der Gründungszeit in Betrieb, und Eisenbahnfreunde kommen aus aller Welt, um einmal mit der ältesten Nummer, der 779 B, zu fahren. Langsam, oft im Schrittempo, ächzt die Bahn die Hügel hinauf und es ist wohl der einzige Zug, den ich joggend locker mehrmals überholt habe. Für die Anwohner sind es die zentralen Ereignisse des Tages; sie leben und arbeiten halb auf den schmalspurigen Gleisen. Oft haben noch ihre Eltern die kleinen Häuser entlang der Bahnlinie errichtet; wenn die Lok vorbeikommt, können sie sie vom Fenster aus mit der Hand berühren. So sitzen sie den halben Tag auf den Schienen, betreiben ihr Handwerk und hoffen auf einen Zuruf, auf eine Neuigkeit oder gar ein Geschäft mit den Reisenden. Darjeeling ist das St. Moritz von Indien, ein Rückzugsort für die von der Monsunhitze gepeinigten Inder aus Kalkutta und Umgebung. Die Stadt, die sich an eine Seite eines Hügelzuges schmiegt, ist bekannt für die renomierte Teesorte gleichen Namens. Die sonnigen Hügel von Darjeeling sind ideal, in diesem herrlichen Klima wachsen sogar Kakteen. Natürlich möchten wir das Innenleben einer solchen Teeplantage sehen: Im Happy Valley Tea Estate treffen wir auf den jungen Arbeiter Tashi, der uns immer auf der Flucht vor dem Besitzer durch den Betrieb führt. Er lebt hier seit vielen Jahren zusammen mit seiner Mutter, in 1700 Meter Höhe. Es ist eine grosse Teefabrik am Hang, man sieht weit über die gegenüberliegenden Hügel und Täler. Wir riechen den warmen Duft von Erde und vom Grün der Plantage. Die Teebüsche bilden ein grünes Meer. Unter der Veranda klingt ein Glockenspiel im leichten Wind. Der neue Besitzer der Plantage hat es ihm verboten, Touristen durchs Happy Valley zu führen, seitdem schneidet er Unkraut und verdient sich heimlich ein Sackgeld mit der Führung von verirrten Touristen.

Die Arbeit auf den Teeplantagen ist hart, aber sie bietet den Frauen und Männern ein verlässliches Einkommen. Sie wuchten sich durch die hüfthohen, harten Zweige der Sträucher, rupfen mit gekonnten Bewegungen die Blätter ab und werfen sie über die Schulter in den Korb auf ihrem Rücken. Sie bewegen sie vorwärts in einem grünen Meer. Sechs Kilo beträgt die tägliche Ablieferungspflicht der Pflücker auf der Happy-Valley-Plantage. Dafür gibt es ein kleines Gehalt von etwa 2 Franken. Was sie darüber hinaus abliefern, wird extra entlöhnt. Vor allem Menschen aus den umgebenden ländlichen Gebieten, Einwanderer aus Nepal und Flüchtlinge aus Tibet sind es, die hier ihr Glück suchen. Im Westen sehen wir das mächtige Bergmassiv des dritthöchsten Berges der Welt, des Kanchenjungas. Oberhalb von Darjeeling ist ein strategisch wichtiger Berg, der Tiger Hill, auf dem vor langer Zeit einst ein englisches Regiment stationiert war. Heute ist er täglich Anziehungspunkt von zahllosen Touristen. Mitten in der Nacht um 4 Uhr schälen wir uns aus unseren Bettlaken, fahren im Dunkeln den Berg hinauf und sehen langsam die Dämmerung aufsteigen. Oben auf dem Berg sind schon grosse Menschentrauben von indischen Touristen und unser Fahrer weigert sich, weiter hoch zu fahren. Doch ich habe den Berg tags zuvor schon rekognosziert und weiss, wo man das Schauspiel am besten erleben kann. Die indischen Touristen brauchen im Alltag keine Gore-Tex-Jacken und wickeln sich ihre bunten Saris eng um den Körper, um in der beissenden Kälte nicht zu frieren, aber es half wenig. Lange noch lagen Wolkenbänke über den halbnächtlichen Hügeln Darjeelings. Doch mit jeder Minute, in der die Sonne im Verborgenen stieg, löste das Weiss der Himalaja-Achttausender das blassrote Schimmern des aufkommenden Morgens ab. Vor uns ersteckt sich das majestätische, 250 Kilometer breite Panorama, aus dem zugleich vier der fünf höchsten Berge der Welt aufragen. Die zu unserer Linken liegenden Berge beachten die indischen Touristen kaum, mit einem Aufseufzen begrüssen sie huldigend die gleissende Morgensonne.

Als wir Darjeeling verlassen, brennt die Sonne. Wir fahren entlang steiler Teeplantagen, über denen Schmetterlinge und Vögel flattern, in den Norden Richtung Sikkim. Von ferne sehen wir noch das am Hang gelegene Darjeeling, im Hintergund die schneebedeckten Berge des Himalaja. In dem kleinen, im östlichen Himalaya zwischen Nepal und Bhutan gelegenen Sikkim erinnert wenig an das alte Indien, nur die lärmenden indischen Touristen machen ihren Anspruch auf das einst autonom regierte Königreich deutlich. Nach einem zeitraubenden Motorenschaden ist es schon Abend, als wir Gangtok erreichen, die Hauptstadt des kleinsten aller Himalajastaaten, seit 1975 Indiens 22. Bundesstaat. Auch hier gibt der Kanchenjunga Orientierung, seit unseres Aufenthalts zeigt er sich jedoch scheu, stets hinter einem Wolkenvorhang veborgen. Die Sikkimesen verehren den gigantischen Steinriesen als Gottheit. Auf den fünf Gipfeln des "Kanch" vermuten sie Bergdämonen, die dort Schätze hüten: Der Gipfel, der von der aufgehenden Sonne zuerst in Morgenrot getaucht wird, ist die Schatzkammer des Goldes. Das Silber wird auf dem Gipfel gehütet, der im grauen und kalten Schatten bleibt. Auf den anderen bewachen die Götter Edelsteine, Salz, heilige Schriften, Medizin, Getreide und unbesiegbare Waffen. Der Name des Berges bedeutet auch "fünf Kleinodien des ewigen Schnees" und entschädigt für vieles, so zum Beispiel für den nächsten verregneten Tag. Für die Ureinwohner von Sikkim, die Lepchas, war ihr Land Nye-mae-el, schlichtweg das Paradies, Biologen finden ihr persönliches Dorado, mit 4000 Pflanzenarten. Berühmt ist Sikkim aber vor allem wegen seiner Orchideen und Rhododendren, die in sagenhafter Vielfalt, in allen nur denkbaren Grössen und Farben das Land wie in buntes Geschenkpapier hüllen. Der Farbenpracht auf der Spur, planen wir einen Trip ins Yumthang-Valley, dem Tal der Blumen. "In den Norden können wir nicht“, ein tibetischer Tourismusagent ist der Überbringer der Hiobsbotschaft. Und dass wir nicht können, liegt nicht nur am starken Regen, der die Strassen unpassierbar macht. Der gesamte Norden Sikkims ist Sperrgebiet - ebenso wie der Osten. Und der Westen. Die Einhaltung der Sperren überwacht die Armee, die ein besonderes Augenmerk auf die nach wie vor umstrittenen Grenzlinien zu China wirft. Hartnäckig lassen wir uns nicht abweisen und plötzlich taucht in diesem Ränkespiel der Bürokratie die Frau des besagten Agenten auf, die wie es der Zufall will, bei der örtlichen Polizeistation arbeitet. Tags darauf sind wir unterwegs.

Je weiter wir die Stadt hinter uns lassen, desto mehr der buddhistischen Gebetsfahnen tauchen auf und verdichten sich, bis sie schliesslich die Strasse wie eine Allee säumen. Mit leisem Flattern übergeben sie Danksagungen und Wünsche der Gläubigen an den Wind. Der Norden von Sikkim scheint nur aus Bergen und Tälern zu bestehen, der Jeep fährt traumwandlerisch den Abhängen entlang, unseren Führer verstehen wir kaum. Unsere Fragen beantwortet er mit Zwei-Wort-Sätzen, in denen „actually“ fast immer vorkommt.  Die Landschaft ist wild und schroff, die Lepchas, das „Volk der Schluchten“, leben an abschüssigen Hängen in ihren Holzhäusern auf Pfählen. Am Abend erreichen wir Lachung, ein unscheinbares, ärmliches Dorf, das von einer grünen Bergkulisse umgeben ist. Mit Herzlichkeit werden wir empfangen, der aromatische Tee ist ihnen als Begrüssungszeremonie sehr wichtig. Beim gemütlichen Abendessen erzählt mir der Sohn der aus Tibet stammenden Gastgeberfamilie Geschichten seiner Ahnen, so zum Beispiel, dass sein Vater dem Dalai Lama zur Flucht nach Indien über den Nathula-Pass verholfen hat. Ich frage ihn, ob er sich als Inder oder Sikkimese fühlt. Die Antwort ist kurz und klar: "Ich bin Tibeter." Obwohl er die Heimat seiner Eltern nie gesehen hat, will er eines Tages dorthin gehen. Leider ist der Himmel auch am nächsten Morgen wolkenverhangen, trotzdem fahren wir die Passstrasse hoch ins Tal der Blumen. Allgegenwärtig ist die indische Armee, die in regelmässigen Abständen unsere Bewilligungen sehen möchten. Die Armeebaraken passen nicht so recht ins malerische Bild, umso weniger, wenn man bedenkt, dass sie schonungslos Wälder abholzen, um Strassen und Truppenübungsplätze zu bauen. Trotz leichtem Nieselregen erwartet uns im Yumthang Valley ein Blumenmeer: unzählige Arten von Rhododendren, die sich an knorrige Wurzelgewächse schmiegen. Lachen ist unser nächster Stopp, das Thanggu-Valley zeigt sich ganz verschieden, eine trostlos schöne, graue Moorlandschaft quetscht sich seinen Weg in Richtung der hohen Himalaja-Berge. Auf der Rückfahrt freuen wir uns schon auf unsere Hotel „Golden Heights“, dessen komfortable Zimmer uns für die einfachen Unterkünfte in Nord-Sikkim entschädigt. Über West-Sikkim reisen wir zurück in die subtropische Ebene Nordindiens, machen unterwegs halt in Pelling, das für sein Kloster Pemayangtse bekannt ist. Die Ghompa liegt auf einer einsamen Anhöhe, Kanchenjunga kann man hinter den Wolken nur erahnen, der Blick ins tiefe Tal ist atemberaubend. Wir beobachten, wie junge Mönche, die ihr Gebet beendet haben, vor der Zeremoniehalle spielen. Auf unserer Rückfahrt nach Siliguri wissen wir noch nicht so genau, ob wir uns auf unser nächstes Reiseziel freuen sollen. In zwei Tagen werden wir in Hong Kong sein.

Fotos Indien IV


Teeplantagen in Darjeeling

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