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Die Wuestenstadt Bikaner oeffnet uns das Tor zum sagenhaften Rajasthan. Im 120 Jahre alten Haus des ehemaligen Ministers von Bikaner beziehen wir ein Turmzimmer in einem Teil des verschachtelten Anwesens, die maerchenhafte Atmosphaere nimmt uns in Beschlag. Angrenzend erhebt sich die Jungarah-Festung des Maharajas, die von einer rotbraunen Befestigungsmauer umegeben ist und ein Palastgebilde in seinem Inneren versteckt, in dem wir uns gerne verlaufen. Die Maharajas waren lokale Herrscher im 19. und 20. Jahrhundert, die von der Kolonialmacht England eine begrenzte Autonomie zugesprochen bekamen und einem nicht lustfremden Alltag froenten. Allerlei kuriose Gegenstaende kann man im Museum sehen: Uns gefaellt vor allem der speziell angefertigte Suppenloeffel, der den lockigen Schnauz des Herrschers nicht nass werden liess, und die fuer einen Elefantenruecken konstruierte Kanone, die die Erfindung des „Elefantenpanzers“ brachte. Ali, ein eloquenter Autorickschafahrer, zeigt uns die engen, dunklen Gassen der Altstadt, die nur selten von verschwenderisch dekorierten, dunkelroten Herrschafthaeusern, den Havelis, aufgebrochen wird. Ali machte seinen Job sehr gut, er steurt sein Mobil durch unmoegliche Engpaesse, gewinnt unser Vertrauen und schleust uns glatt in einen Shop voll mit Mughal-Paintings, die getreu seinen Worten „vom Lieblingskuenstler des Maharajas hoechstpersoenlich“ gemalt wurden. Ein angeblicher „Sohn“ des Kuenstlers kritzelt Mona mit Naturfarben ein naives Bildchen auf den Fingernagel, das ich besser hingekriegt haette und weist uns darauf hin, dass er auch Kreditkarten akzeptiere. Dies war unser erster und letzter Besuch in einem Souvenirladen und bescherrt uns taube Ohren fuer jedwelche Anpreisungen und Angebote von laestigen Schleppern.

Die indischen Koestlickkeiten der Punjab-Kueche, das wuerzige Taka-taka und die saftig-buttrigen Naans, schmeckten uns so gut, dass wir schon ein bisschen abhaengig von den cremigen Saucen waren. Rajasthan konnte auf kulinarischer Ebene nicht ganz mithalten und so weichen wir gerne ab und an auf Pasta oder Pizza aus. Denn auch die gibt es in dem riesigen Angebot an Speisen, die meist in fettschwitzenden Woks an den Strassenraendern duensten: Samosa-Teigtaschen, Chapati-Brot und Dahl-Bohnenspeisen erfuellen ihren Zweck als nahrhaften Snack zwischendurch. Fuer 20 Rupees, umgerechnet etwa 50 Rappen, fahren wir mit dem Bus zum beruehmt-beruechtigten “Tempel der Ratten”, dem Karni Mata Tempel, wo tausende als Ratten wiedergeborene Geschichtenerzaehler auf die Nuesse und Snacks der hinduistischen Pilger warten. Wie es so ueblich ist in den buddhistischen und hinduistischen Tempeln, lassen wir die Schuhe beim am Eingang stationierten “Shoekeeper”, der mit wachsamem Auge unsere 5-Franken-Flip-Flops bewachen wird, und bahnen uns auf Zehenspitzen den Weg zwischen den Ratten hindurch bis zum heiligen Durga-Schrein. Die Hindus haben einen fuer unser Verstehen unuebersichtliches Goetterpantheon. Zusammenfassend kann man sagen, dass die drei Hauptgoetter Shiva, Vishnu und Brahmna in den verschiedensten Gestalten als Reinkarnationen wieder ins Spiel kommen. Ich moechte euch aber an dieser Stelle die gut 3.3 Millionen Goetter nicht zumuten.

In Indien wollen, wie bereits erwaehnt, viele unlautere Gestalten ein Stueck von dem grossen Tourismus-Kuchen abschneiden. Kommt man mit dem Bus in einem Ort an, versuchen die gierigen Rikschafahrer sofort, die Fahrgaeste nicht "Everywhere you want!", sondern direkt in das Hotel ihrer Wahl zu fahren, wo sie natuerlich eine saftige Kommission von bis zu 30% des Zimmerpreises einheimsen. In so einem Fall fuehrt der freundliche Weg selten zum Ziel, eine feste und bestimmte Stimme ist gefordert, will man seine Interessen wahren. Sehen die Halunken ihre Chancen schwinden, werden sie schnell kleinlaut. Kein Ort verdeutlicht die Bedeutung der alten Handelsstrassen zwischen Indien und Vorderasien besser als die verloren in der Thar-Wueste liegende Stadt Jaisalmer. Wie eine gelbbraune riesige Sandburg thront die Goldene Stadt auf dem Trikuta-Berg, wir muessen beim ersten Anblick an eine Halluzination glauben. Wir schlendern zwischen den 99 Bauwerken im Herzen der Festung umher, die Jain-Tempel und Aussenfassaden der Havelis, alte Herrschaftshaeuser, sind so kunstvoll verziert, dass man nur staunen kann. Die aussergewohnliche Qualitaet der Steinmetzarbeiten in den Tempel der Jainas ist einzigartig. Fast durchsichtig erscheinen die dreidimensional aus Mamor gehauenen Figuren, das Licht glaenzt nicht nur auf den Figuren, sondern entfaltet sein Lichtspiel durch das harte Gestein hindurch. Der Jainismus ist eine in Indien beheimatete Religion, die etwa im 6.Jh/ 5.Jh. v.Chr. entstanden ist. Die Jainas spenden oft Gelder für praechtige Tempelbauten und leben sehr asketisch: Wegen des Ideals der Nichtverletzung von Lebewesen sehen wir sie mit einem Mundschutz herumlaufen, um selbst die kleinsten Lebewesen nicht unwillentlich zu schlucken. Nach einigen erholsamen Tagen in Fifus Guesthouse, eines unserer Lieblingshotels in Rajasthan mit einem aeusserst charmanten Hausherr, fahren wir weiter nach Jodhpur, der blauen Stadt.

Auf einem scharfen Huegelgrat ueber der Stadt erhebt sich die unglaubliche Leistung von einigen mittelalterlichen Baumeistern, die Festung Meherangarh der maechtigen Rajput-Herrscher. Fuer uns ist klar, warum dieses Bollwerk mit seinen insgesamt sieben Festungstore, die waehrend des steilen, serpentinenartigen, von hohen Mauern begrenzten Aufstiegs zum Palast zu durchqueren sind, in seiner ereignisreichen Geschichte nie bezwungen wurde. Die filigranen Steinmetzarbeiten an den ueberhaengenden Erkern und Balkonen gehoeren zu den schoensten, die wir in ganz Rajasthan gesehen haben. Wir fuehlen uns in die Vergangenheit zurueckgebeamt, als wir durch die einzelnen Raeume des Palastes mit antiken Moebeln, vergoldeten Saenften, Kostuemen, Musikinstrumenten und Waffen laufen. Wir sind begeistert vom Bau und der professionell gemachten Audio-Tour, die auf dem Rundgang durch die Gemaeuer viel Interessantes zu berichten weiss. Sicher ein Highlight in Rajasthan! Wo James Bond auf seiner Mission "Octopussy" schon war, muessen wir natuerlich auch hin. In Udaipur, der romantischsten Stadt von Rajasthan, die von neblig schimmernden Huegeln umgeben ist, ist der Lake-Palast mit Sicherheit einer der glamouroesesten Schauplaetze, die 007 fuer einmal unter einem Plastik-Krokodil angepirscht hat. Von unserem Zimmer aus erleben wir, wie bei Dunkelheit der im Lake Pichola gebaute Palast mit kitschigen Farben beleuchtet wird und wie ein Raumschiff im All wirkt.

Auf der Ajmer Road, den einzigen Hauptstrasse durch Pushkar, die den Stadtkern durchschneiden, waechst ein Berg aus dem Muell des vergangenen Tages heran. Mit blossen Haenden fischen und schaufeln jugendliche Muellsammler Plastikflachen, toenerne Chai-Tee-Schaelchen, Zigarettenstummel, Kot von heiligen Kuehen und allerlei Formloses aus den Rinnsteinen auf ihre Karren. Unbeschreibliche Armut sieht man in Indien an allen Ecken und Enden, das Elend der Menschen ist nicht lebenswert, doch ungeachtet der unverschaemten Arroganz hoeherer Kasten ist ihr Lebenstrieb staerker, eine bewundernswerte innere Kraft des Entgegenstemmens. Die Kastenzugehoerigkeit hatte in Indien bis heute Auswirkungen auf das gesamte Leben eines Individuums. Das Kastensytem unterteilt die religioese Gemeinschaft der Hindus in verschiedene autonome Gruppen, denen man von Geburt an angehoert. Das von den Ariern eingefuehrte Kastensystem besteht in stark vereinfachter Form aus vier Kasten: den Priestern, den Adelige, den Handwerkern und  Handelsleute und den Sklaven. Die philosophische Rechtfertigung dieses Systems beruht auf dem Karma, das man sich durch gutes oder schlechtes Handeln erworben hat. Auf einer Zugfahrt muessen wir miterleben, wie ein Junge der untersten Kaste durch das Wagenabteil kriecht, um die von den Passagieren hingeworfenen Essenreste einzusammeln. Vor nicht allzu langer Zeit haette er noch eine Glocke um den Hals tragen muessen, damit die Leute gewarnt werden, wenn er sich naehert, denn direkter Kontakt mit ihm oder nur das Streifen seines Schattens wuerde die oberen Kasten verunreinigen. Wir sind der Meinung, dass das Kastensystem weder ethisch noch moralisch in irgendeiner Art und Weise zu vertreten ist, es ist ein erschreckendes Beispiel von Apartheid innerhalb einer Religionsgemeinschaft und muss bekaempft werden. Die einzige Chance, diesem Kastendenken zu entfliehen, ist die Konvertierung zu einem anderen Glauben, weshalb auch der Buddhismus und der Islam einen enormen Zuwachs in Indien erfahren.

In der Abenddaemmerung klettern wir aus dem Bus, der schon bessere Zeiten gesehen hat; Lack blaettert ab, Rost frisst sich in Chassis. Pushkar ist eine heilige Stadt im Herzen von Rajasthan. Brahma soll vom Himmel eine Lotusbluete fallen gelassen haben, dort wo sie auftraf, entstand ein See. Unzaehlige Treppen fuehren an seine Ufer, an diesen sogenannten Ghats koennen wir miterleben, wie sich die glaeubigen Hindus von Kopf bis Fuss mit dem heiligen Wasser reinigen, vom Wuestensand und von allem Boesen, das ihnen widerfahren ist. Das gedraengte Strassenbild zeigt ein wildes Durcheinander von Autos, Rickshaws, Frauen in bunten Saris, Arme und Beine mit glitzernden Reifen und Ketten geschmueckt. Ein paar heilige Kuehe schleppen sich durchs Bild, ernaehren sich von dem Unrat der Strasse. "Flowers for good luck!" meint ein freundlich laechender, hart insistierender Priester, der meint, wer bei seinem Besuch in Pushkar keine Bluete in den See geworfen habe, sei vergelblich gekommen. Wir lehnen dankend ab, als Tourist lernt man auf einer Reise durchs Land der Mughal-Koenige Vorsicht, um nicht zu sagen Misstrauen.

Eines der wichtigsten Gebaeude ist der Brahma-Tempel im Westen Pushkars. Neben uns draengen sich immer neue Besucher durch den Eingang, Muetter mit Neugeborenen, Alte und Kranke, die sich auf Kruecken durch den Tempelbezirk schleppen. Faszinierend, aber kaum nachvollziehbar, schauen wir in die entrueckten Gesichter der Betenden. Pushkar gilt immer noch als Stadt der Hippies, viele von ihnen lassen sich für viele Wochen in dem Wallfahrtsort nieder. Man hoert ein Sprachgemisch von vielen Nationen. Etliche der Besucher sind schon monatelang hier und so sehen sie auch aus: Verfilzte Haare, die schon lange kein Shampoo mehr gesehen haben, von den Koerpergeruechen nicht zu sprechen. Wir schaemen uns fuer diese Auslaender, sie geben ein denkbar schlechtes Bild ab. Fuer unsere Weiterreise decken wir uns in einer Reihe von Secondhand-Buchhandlungen mit Reiseliteratur ein. Dass die pinkige Stadt Jaipur keine Augenweide ist, haben uns schon einige Reisende erzaehlt, dass man aber die Stadt nur wegen dem aussergewoehnlichen Planetenobservatorium Jantar Mantar aus dem 18. Jahrhundert und dem aromatischen Kaffee im Restaurant "Coffee Day" erwaehnen muss, ist schon ein wenig enttaeuschend. Etwas ausserhalb von Jaipur kann man das imposante Amber-Ford besichtigen, dessen Festungsmauern virtuos den umgebenden Felsklippen entlang angelegt wurden. 

Fotos Indien II


Festung Meherangarh, Jodhpur

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