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New Delhi ist kein verlockender Ort zum Ankommen. Schauergeschichten von Touristen, die von einheimischen Tourismusagenten fuer bloed verkauft wurden und die bekannten unpaesslichen Begleiterscheinungen einer indischen Metropole mit all ihrem Dreck und den Gestalten aus der Schattenwelt machten uns im Vorfeld sehr hellhoerig. Nach Recherchen im Internet kamen wir zum Schluss, dass es in New Delhi wohl keine Unterkunft ohne groessere und kleinere Maengel gibt und machten eine Reservation im am wenigsten verrissenen Hotel. Tatsaechlich ist es von Vorteil, wenn man in New Delhi ausgeschlafen ankommt. Tritt man aus der Empfangshalle hinaus in die schwuele staubdurchsetzte Luft hat man den schuetzenden Bereich hinter sich gelassen und ist nun den zahlreichen Gestalten, die in der Tourismusbranche mitmischen, ausgeliefert. Jeder versucht ein moeglichst grosses Stueck vom Kuchen zu erhalten, was dazu fuehrt, dass die Autorickshaws sehr erpicht darauf sind, die Reisenden in ihre fahrenden Schuhschachteln zu bekommen, zumal ihnen eine erfolgreiche Unterbringung in einem Hotel ihrer Wahl eine fette Kommission einbringt. Mallorca besuchen jedes Jahr fuenfzehnmal so viele Menschen, wie dort wohnen. In Indien lautet das Verhaeltnis vierhundertfuenfzig zu eins - vierhundertfuenfzig Inder für jeden Besucher aus der Fremde. Sie sind Tropfen in einem Menschenmeer, und sammeln sich an wenigen Stellen, die auch wir besuchen wollen, am Taj Mahal und in den Wuestenstaedten Rajasthans. In Indien besteht somit ein riesiger heimischer Markt fuer indische Touristen, der dank einer immer groesseren Mittelschicht schon jetzt hundert Millionen Menschen zaehlt. Vieles ist in Indien auf die Beduerfnisse dieser Zielgruppe ausgerichtet und lokale Reiseanbieter fragen sich zurecht: Warum sollte sie Busse mit westlichen Komfortstandards anschaffen und in Restaurants amerikanisches Fruehstueck servieren, wenn Gaeste kommen, die weder Wasserklosetts brauchen und am liebsten Fladenbrot mit Linsen zum Fruehstueck essen?

Auch unser Fahrer, zu dem wir durch einen Taxistand mit Vorbezahlung gekommen sind, hat es versucht: Unsere vorgebuchte Unterkunft sei nicht gut, an einem lauten Ort gelegen und ausserdem wisse er eine viel bessere Alternative. Ihm gelingt es nicht, uns zu bezierzen, er fragt uns noch kurz, wie unser naechstes Programm aussehe und als er merkt, dass hier wohl nichts zu holen ist, setzt er seinen Weg durch die bleierne Viskositaet fort. Den indischen Verkehr werden alle lieben, die ein Faible fuer Computerspiele haben, bei denen man von allen Seiten gleichzeitig angegriffen und beschossen wird. So fuehlen wir uns in etwa. In seinem umgebauten Ambassador hat sich unser Taxichauffeur eine kleine Stube eingerichtet: zwei Sofas sind hintereinander platziert, auf dem vorderen sitzt er leicht seitwaerts, um mit den Touristen das Verkaufsgespraech zu fuehren, auf dem hinteren die hilflos Ausgelieferten, die von den leuchtenden Girlanden geblendet und von anderem orientalischen Schmuck abgelenkt werden. Eher wuerde ein Inder ein Auto ohne Bremsen kaufen als eines ohne Hupe. Wobei natuerlich der Ton, die Frequenz der Hornklaenge und der Sound an sich von entscheideneder Bedeutung sind, um sich im wuseligen indischen Verkehr Gehoer zu verschaffen. Die Inder sind ein orales Volk, sie muessen etwas hoeren, um ihren Augen auch trauen zu koennen. Die uralten Veden, die dem Hinduismus zugrunde liegen, wurden jahrhundertelang nur muendlich weitergegeben. Sie diskutieren gerne angeregt und nicht leise, die indische Laermtoleranz ist in etwa mit derjenigen eines Duesenantriebs gleichzusetzen. Anfangs konnten wir es kaum glauben, doch mit der Zeit gewoehnten wir uns an den Laermpegel. Knapp zweieinhalb Millionen Auslaender haben im vergangenen Jahr den Subkontinent besucht, meist auf den ausgetretenen Pfaden um das goldene Dreieck Delhi, Udaipur und Agra. Auch wir wollten uns der fuenftausendjaehrigen Kulturgeschichte Indiens stellen, was nicht allzu schwierig begann, denn in unserem Hotel, das uebigens unseren Anspruechen entsprach, empfing uns bereits am ersten Morgen der Verantwortliche des hoteleigenen Reisebueros, der uns mit zuckersuesser Stimme und mit zahlreichen Anspielungen auf die Schoenheit unserer heimischen Schweiz die Vorzuege seines Reiseprogramms schmackhaft machen wollte. Nur leider passten wir nicht in seine Vorgaben, da wir zuerst nach Norden reisen wollten und er uns damit nur ein Zugticket nach Chandigarh verkaufen konnte. Ab diesem Zeitpunkt waren wir Luft fuer ihn, was uns nur entgegen kam und unseren Gang an der Rezeption vorbei ungemein beschleunigte.

Mit dem Shabani-Express-Zug fahren wir ins noerdlich gelegene Chandigarh, das jeder Schweizer taeglich in den Haenden haelt, ohne es zu wissen. Chandigarh wurde in den 50er-Jahren vom beruehmten Schweizer Architekten Le Corbusier geplant und entworfen, es ist eine untypische indische Stadt, da sie viele grundsaetzliche staedteplanerische Aspekte nicht erfuellen kann. Le Corbusier hat den Stadtplan rechtwinklig angelegt, mit ausladenden Prachtstrassen und Gruenflaechen, die zum Verweilen einladen.  Der Workaholic Le Corbusier hat nichts dem Zufall ueberlassen, selbst auf den Gullydeckeln hat er den geometrischen Stadtplan verewigt. Mit vollem Einsatz haben wir uns in den High-Court reingeschmuggelt, der Sicherheitsbeauftragte wollte meine Hand kaum mehr loslassen, so sehr war er erstaunt, Schweizer Gaeste zu empfangen. Wer denkt, dass in Indien alles fein saeuberlich in digitalen Datenbanken abgelegt ist, irrt gewaltig, meterhoch stapeln sich die Formulare auf den Buerotischen. Im Zakir-Rosengarten, einem der bekanntesten und groessten in Asien, sprechen uns ein Sikh und ein Muslim an und erzaehlen uns von ihrer Freundschaft jenseits religioeser Schranken. Stolz ziehen sie darauf Haendchen haltend ab, in Indien ein Zeichen der Freundschaft, ohne homosexuelle Bedeutung. Zufaelligweise lernen wir Soni, einen Sikh ohne Turban, kennen, der uns vorschlaegt, uns seine Stadt zu zeigen. Gerne willigen wir ein und besuchen verrauchte Restaurants, einen Mughal-Garten bei Nacht und einen Cine-Complex, der bestimmt noch nicht viele Auslaender gesehen hat. Die Gastfreundschaft der Punjab-Inder beruehrt uns sehr.

Auch Stossdaempfer scheinen den Indern nicht so wichtig zu sein, zum Glueck ist die Strasse von Chandigarh nach Amritsar ohne tiefe Schlagloecher und nur ein ueberhitzter Motor, der uns eine Stunde am Strassenrand warten liess und mir ein angeregtes Gespraech mit einem 80-jaehrigen Sikh brachte, verspaetete die Ankunft. Amritsar ist die Hauptstadt der im Suedwesten gelegenen Provinz Punjab, eine der reichsten Bundesstaaten Indiens und ein industrielles Zentrum, das von den Sikhs kontrolliert wird. Die Sikh-Religion hat über 20 Millionen Anhänger und ist eine im 15. Jahrhundert entstandene Religion, die auf den Einsichten von Guru Nalak beruht. Seine Anhaenger entsagen sich dem strengen Kastensystem der Hindus, legen Wert auf einen starken Familiensinn und harte Arbeit. Obwohl die Sikhs nur etwa 2 Prozent der indischen Bevoelkerung ausmachen, haben sie doch einen betraechtlichen Einfluss auf die politische und oekonomische Entwicklung des Landes. Dies faellt uns sofort auf: Die Leute sind sehr kultiviert, leistungsorientiert und lieben es, sich in die haarstraeubendsten Diskussionen einzulassen. Angezogen wurden wir vor allem vom hoechsten Heiligtum der Sikhs, dem Goldenen Tempel, dessen Kuppel im 16. Jahrhundert mit 750 Kilogramm reinstem Gold angefertigt wurde. Die Altstadt lassen wir mit einem Autorickshaw hinter uns, wer sich hier zu Fuss bewegen moechte, begeht in den engen Gassen, in denen der motorisierte Verkehr regiert, glatt Selbstmord. Wir haben es versucht, wurden aber schon nach kurzer Zeit von einem freundlichen jungen Mann nach unserem Ziel gefragt, mit der Begruendung, dass er in diesem Teil der Stadt noch nie einen Auslaender gesehen habe.

Der Goldene Tempel ist umgeben von einem kuenstlichen See, dem sogenannten Nektarteich, und einer fantastischen Palastanlage, die auf jeder Seite durch ein weisses Mamortor den Blick auf seinen Schatz freigibt. Unser erster Blick auf die glaenzende goldenen Box laesst uns sprachlos; die Inszenierung koennte nicht gelungener sein, wir werden mit dem Pilgerstrom im Uhrzeigersinn aufs Heiligtum zugeleitet. Mit Faszination beobachten wir, wie sich die Menschen zu Boden werfen oder sich das heilige Wasser ueber ihre farbigen Turbane schuetten, immer begleitet von den Gesaengen aus dem heiligen Buch der Sikh, dem Guru Granth Sahib, die ueber Lautsprecher auf dem gesamten Tempelareal zu hoeren sind. Der Tempel ist offen fuer alle Religionen, waehrend 24 Stunden, unter den Arkaden der angrenzenden Gebaeude findet jeder Pilger Kost und Logis gratis. Die Sikhs sind gut an ihren farbigen Turbans, die sie im schneeweissen Tempelgelaende wie Smarties aussehen lassen, zu erkennen. Der ungezaehmte Bartwuchs und der Dolch weisen auf eine lange Tradition als Krieger hin.

Will man mit den Indern in Kontakt kommen, lohnt es sich, wenn man ueber gewisse Themen Bescheid weiss. In Indien ist dies zum einen der Nationalsport Kricket und zum anderen die regionale und nationale Politik. Die Provinz Punjab spielte eine zentrale Rolle in der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Der Punjab wurde zwischen den beiden Nachfolgestaaten Indien und Pakistan geteilt - die Teilungslinie verlief mitten druchs Gebiet der Sikhs. Im Zuge dieser Teilung gerieten die Fluechtlingsstroeme von Hindus und Sikhs aus dem Westpunjab und von Moslems aus dem Ostpunjab ausser Kontrolle. Es kam zu buergerkriegsartigen Szenen, die sich ueber mehrere Wochen dahinzogen. Ein Mann in einem Telefonie-Geschaeft sieht es als seine Berufung an, mich ueber seine Geschichte zu informieren, zueckt ein Geschichtsbuch, in dem das Rad der Zeit im Jahre 1949 stehen bleibt und zeichnet nicht ohne Selbstkritik die traurigen Tage des Buergerkrieges nach. Die Lage ist nach wie vor gespannt, die Menschen an der Grenze koennen dem Tragischen auch etwas Belustigendes abgewinnen. Dies erleben wir live bei der Fahnenuebergabe an der indisch-pakistanischen Grenze mit, wo auf beiden Seiten der Grenze eine motiviertes Publikum dem gockelhaften Getue der Grenzposten applaudiert. An der Grenze entlang nahmen wir nordwaerts einen Nachtbus, der in keinem Reisefuehrer aufgefuehrt wurde, auch die Inder schienen ihn nicht zu kennen. Einige Reisebueros konnten uns nicht weiterhelfen, obwohl wir dies nicht immer auf Anhieb verstanden. Eine haeufige indische Geste ist es, mit dem Kopf zu nicken, jedoch ist damit nicht ein deutliches Kopfschuetteln gemeint. Ein angeblich zusaetzlicher Knochen im Nackenbereich erlaubt ihnen eine gleitende Vor-Rueckwaerts-Auf-Ab-Bewegung, die den Kopf wie auf einem gut geschmierten Gelenk bewegen laesst. Fuer uns ist es unmoeglich, diesem Wackeln eine Bedeutung zu geben, zumal der Inder dazu neigt, nur Auskuenfte zu seinen Gunsten zu uebermitteln. Trotzdem brachte uns die Nachtbusfahrt einen staubigen Schlaf, den uns nicht das Sandmaennchen brachte, und eine formidable Zeitersparnis, da wir den Umweg ueber Delhi nicht in Kauf nehmen mussten.

Fotos Indien I


Goldener Tempel, Amritsar

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