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Bevor wir uns entschieden haben, nach Myanmar zu reisen, haben wir uns gefragt, ob es ethisch vertretbar ist, Myanmar in unser Reiseprogramm zu integrieren. Seit Jahrzehnten werden die Burmesen von einem skrupelosen Militaerregime drangsaliert; viele Projekte, auch touristischer Natur, werden durch Zwangsarbeit realisiert, die Meinungsfreiheit wird brutal unterdrueckt, ein demokratisches Denken ist unmoeglich. Trotzdem koennen wir nach einer eindruecklichen Reise durchs Land der tausend Pagoden die eingangs gestellte Frage mit Ja beantworten, jedoch mit einigen immanent wichtigen Hinweisen. Wir entschieden uns die Reise mit einem lokalen Fahrer zu unternehmen, der hauptsaechlich unabhaengig arbeitet, d.h. nicht mit den regierungsnahen Reisebueros zusammenspannt. Das Geld kam so immer direkt den Einheimischen zu, ausserdem hielten wir uns fern von allen staatlichen Hotels und Restaurants. Selbst dieses Vorgehen fuellt indirekt auch die Taschen der Regierung, muessen doch viele Einrichtungen obligatorische Abgaben bezahlen. Myanmar ist ein sehr sicheres Reiseland, die Touristenstroeme schuetzen wiederum die unterdrueckten Menschen, denn das Militaer moechte auf keinen Fall bei den Auslaendern das Gefuehl aufkommen lassen, dass sie sich in einer Diktatur bewegen.

In der Empfangshalle des Flughafens in Yangoon freuen wir uns, als wir ein "Patrick & Monika"-Schild in der empfangenden Schar erblicken; schnell geleitet uns Sonny, unser umsichtiger Fuehrer, durch die Menschenmasse zu seinem weissen Hyundai und platziert das Empfangsschild hinter der Frontscheibe. Die Reise kann beginnen! In Bangkok logierten wir im schlechtesten Hotel unserer bisherigen Reise, eine Bleibe direkt am Verkehrskreuz Zuerich-Brunau waere ruhiger gewesen. Abseits vom geschaeftigen Treiben zeigt uns Sonny ein Hotel, dessen reich verzierte Fassade man in diesem Stadtteil nicht erwartet haette. In unserem mit Teakholzschnitzereien verzierten Zimmer fuehlten wir uns wie Koenige. Auf dem Schwarzmarkt wechselt uns Sonny unsere Dollarscheine in die offizielle, jedoch nicht gern gesehene Landeswaehrung Kyat. Die Banken sind den Leuten hier ein Dorn im Auge, niemand vertraut ihnen. Dies ist nachvollziehbar, als ich die fetten Notenbuendel in beiden Haenden halte, denn am Bankschalter haette ich nur die Haelfte bekommen. An einen oeffentlichen Verkehr ist in Myanmar kaum zu denken, aus den privaten Pickup-Trucks, die ueber ein selbstgeschweisstes Verdeck auf der Ladeflaeche verfuegen, haengen die Passagiere links und rechts wie Zirkusartisten auf die Seite (Respekt an Didi & Bettina). Zu beiden Seiten saftige Reisefelder, dazwischen goldene Spitzen zum Himmel gerichtet, wir fuehlen uns wie in einem Maerchen. Szenen wie bei uns vor 100 Jahren: Maenner, die mit Hilfe von Wasserbueffeln Reisfelder bearbeiten, Frauen mit grossen Koerben auf dem Kopf, die Ernte zum Dorf tragend.

Buddha ist ueberall, in Bago praegt die Shwemawdaw Pagode das Durcheinander von einfachen Haeusern und Grillstaenden. Das halbkugelige Kuppelgewoelbe beherbergt in seiner Reliquien-Kammer zwei Haare und einen Zahn von Buddha. Es wird nicht der letzte heilige Ort bleiben, der sich mit einem Zahn Buddhas bruestet, der Erleuchtete muss mehr als 32 Beisser besessen haben. Unverkrampft gehen die Burmesen mit ihrem religioesen Erbe um, alle Tempel sind zugaenglich, wir beobachten Scharen von Pilger um die Riesenkegel laufen. Es sind Allgemeinplaetze, Liebespaare treffen sich hier zum Sonnenuntergang, Moenche zum mitgebrachten Imbiss. Vom fruehen Morgengrauen bis hinein in die spaete Nacht sorgen Frauen unermuedlich dafuer, dass alles blitzsauber ist. Der strenge Theravada-Buddhismus, die aelteste noch existierende Schultradition, ist an jeder Ecke zu sehen, er begleitet die Menschen im Alltag und in der Freizeit, bei Festen und Traueranlaessen. Als Identifikation einer ganzen Nation wird hier Religion gelebt. Fuer Politik interessieren sich die Leute nicht, "Es ist besser, sich nicht mit den Machenschaften der Regierung zu beschaeftigen. Aendern kann man nichts, niemand will sich in einer politischen Hetzjagd verfangen", meint Sonny, als er auf die breite Prachtstrasse blickt, die von der Hauptachse Yangoon-Mandalay in die oestlichen Shan-Berge abzweigt. Aus Furcht vor einem Angriff der Amerikaner baut das Militaerregime hier eine neue Hauptstadt, die auf einem riesigen Gebiet alle Ministerien und den gesamten Verwaltungsapparat unterbringen soll. Zwangsumsiedlungen sollen den jetzt noch leeren Strassen, die fuer Auslaender nicht zugaenglich sind, Leben einhauchen. Die Meinung zur aktuellen Regierung wird hinter vorgehaltener Hand an den meisten Orten im Land kundgetan. "Niemand moechte dorthin ziehen". Auch fuer Sonny ist klar, dass er, nachdem er sich vorsichtig umgeschaut hat, kein Bewohner von Pyinmana werden moechte.

Behaebig schaukelt unser gut gefedertes Auto ueber die schlechte Strasse, um sich bei jedem Schlagloch ruckartig zu verneigen. Gelegentlich kommt uns ein ueberladener Ochsenkarren entgegen, waehrend es vorbei an bunten Gemuese- und saftiggruenen Reisfeldern geht. Die Fahrt nach Kalaw ist kurvenreich und staubig, mit offenem Fenster zu fahren ist eine Belastung fuer die Lunge, alle 100 Meter sieht man Arbeitstrupps mit unzureichender Ausruestung die von Erdrutschen aufgerissene Fahrbahn behelfsmaessig ausbessern. Eine Arbeit ohne Ende. Bei Dunkelheit erreichen wir die Hochebene um den Inle-Lake, einen Suesswassersee mit einer Laenge von 22 Kilometer. Mit einem Langboot fahren wir am naechsten Morgen den von Schilf gesaeumten Kanal zum See entlang, auf dem Weg bastelt der Charmeur Sonny fuer Mona eine Kette aus einer Seerose. Am Eingang zur weisslichen Oase, die zwischen den Hoehenzuegen schimmert und sich gegen oben mit dem dunstigen Himmel zu einer mysterioesen Fantasiewelt verbindet, sehen wir zum ersten Mal ein Schauspiel, das sich eingepraegt hat. Die Fischer sind mit schmalen Kanus unterwegs, stehen am Heck des Bootes und haben ein Bein ums Ruder geschlungen. Die Haende werden fuers Fischen mit einem trichterfoermigen Netz gebraucht, gerudert wird mit einer balancierenden Beintechnik.

Ein architektonisches Juwel findet sich am Ende eines Flussarmes: das Pagodenfeld von Indein. Hier ragen viele Stupas wie ueberdimensionale Nadeln in den Himmel - vor Jahrhunderten von Glaeubigen errichtet zur Erinnerung an Buddhas Meditation im Wald. Der Ort wurde erst kuerzlich wiederentdeckt, blieb bisher von unprofessionellen Restaurationsarbeiten verschont und zeigt sich uns in seiner urspruenglich Pracht. Unsere Flipflops deponieren wir wie immer beim Betreten einer heiligen Staette beim Schusammelsurium vor dem Eingang. Mit dem Blick auf den Boden gerichtet, auf die dort lauernden spitzen Steine und Dornen, steigen wir den Huegel hoch. In seine Ausfuehrungen vertieft, tritt Sonny in einen Ast und verletzt sich am Fuss. Mit schmerzverzerrtem Gesicht desinfiziert er die Wunde mit einer Limone. Die Intha, die "Menschen vom See", wie sich die rund 100'000 Bewohner auf und um den Inle Lake nennen, sind stolz, als sie uns in einem Holzhaus auf Stelzen zeigen koennen, wie sie Cheroots - fingerdicken Zigarren, bei denen der Tabak in grüne, herzförmige Blätter eingewickelt ist - rollen und wie der Eisenschmied die Werkzeuge immer noch mit Hammer und Amboss herstellt. Mona gelingt es nach genauer Instruktion ebenfalls, die dicken "Stumpen" herzustellen. Die Fertigkeiten der Menschen vom See beeindrucken: Mit dem Kanu gleiten wir an schwimmenden Gaerten vorbei, bestehend aus einer sehr fruchtbaren Masse aus Sumpf, Erde und Wasserhyazinthen, die mittels Bambuspfaehlen am Seeboden befestigt sind. Sonny findet heraus, dass heute anlaesslich des Vollmondfestes eine wichtige Zeremonie in der Phaung-Daw-U-Pagode stattfindet. Bald finden wir uns inmitten der burmesischen Moenche wieder, wie wir Reis in die kunstvoll verzierten Silberschuesseln der rot gekleideten Geistlichen schuetten. Unser Fuehrer weiss, wo das religioese Leben der Einheimischen stattfindet: Anderntags haben wir grosses Glueck und koennen dem seltenen Einzug der pinkfarben gekleideten Novizen ins Kloster beiwohnen. Wir werden ans anschliessende Fest ins Dorf eingeladen, wo uns lokale Koestlichkeit aufgetischt werden. Selbstverstaendlich lassen wir es uns nicht nehmen, die Festlichkeiten der Dorfgemeinschaft mit einer Spende zu unterstuetzen. Die Magie des Inle Lake haelt uns gefangen - wir goennen uns ein Hotel auf Stelzen und geniessen das geschaeftige Treiben auf dem Wasser.

Leider musste Sonny nun zurueck nach Yangoon, sein Bruder Aw-gyi (sprich O.G.) wird unser Fahrer fuer den Rest unserer Reise sein. Anfangs etwas skeptisch, bekommen wir die humorvolle Art des "Betelnuss-Koenigs von Myanmar" immer lieber und Mona meinte nur, dass er doch ein "glatter Siech" sei. Liebend gerne kaut er den ganzen Tag seine kleingehackten Betelnuesse, die zusammen mit Kokosnussstueckchen in mit geloeschtem Kalk bestrichene Betelblaetter gerollt werden, seine Zaehne in einem roten Saft traenken und jeden Dentalhygieniker vor unloesbare Probleme gestellt haette. Dass die Nuss den Speichelfluss stark erhoeht, muss man beim Anblick der vielen roten Flecken am Boden nicht erwaehnen. Auf dem Weg nach Mandalay besuchen wir die Buddha-Hoehlen von Pindaya, ein kurioses Sammelsurium mit hunderten von Statuen des "Erleuchteten". Mandalay, die alte Koenigsstadt am Irawadi-Fluss, ist ein hektischer Schmelztiegel und wird nicht umsonst "Stadt der Moskitos" genannt. Vom Mandalay Hill aus hat man wie einst Buddha, der hier mit einem Fingerzeig die zukuenftige Hauptstadt des Landes bestimmte, einen schoenen Ausblick auf die Sehenswuerdigkeiten der Stadt. Noch nie hatten wir so schoene Holzschnitzarbeiten wie am Kloster Shwe-In-Bin-Kyaung gesehen und auch das "groesste Buch der Welt", in der Kuthodaw Paya auf 729 Marmorstelen verewigt, haetten wir auf unserer Reise nicht lesen koennen: Mit acht Stunden Lesen pro Tag haette das Vergnuegen 450 Tage gedauert. OK, wir geben es zu, Helmut haette es geschafft!

In der Umgebung von Mandalay findet man einige alte Koenigsstaette. In Mingun nahm sich der groessenwahnsinnige Koenig Bodawpaya die maechtigste Pagode der Welt zum Ziel. Nach Vollendung der 71 Meter hohen Basis musste er das verwegene Projekt wegen einem Riss, von einem Erdbeben verursacht, beenden. Barfuss auf dem "groessten Ziegelstein-Haufen der Welt" stehend, bezweifeln wir sehr, ob hier nicht nach den Sternen gegriffen wurde. An diesem Ort fuehlte man sich zu Hoeherem berufen: Gleich nebenan kriecht Mona unter die groesste ungebrochene Glocke der Welt, die 90 Tonnen schwere "Mingun Bell", die laengste Teak-Bruecke in Amarapura, auf 1000 Pfosten thronend, laesst uns hingegen eher kalt. Wir bahnen uns darauf mit einem aechzenden Ochsenkarren den Weg durch die herrlich urspruengliche Tempelstadt von Ava und merken kurz darauf in Sagaing, warum gestresste Moenche an diesen Ort kommen, wenn sie irgendwo zwischen den 500 Stupas ungestoert abhaengen moechten.

Fast hautnah kann man das burmesische Leben am Fluss auf der ganztaegigen Schifffahrt von Mandalay nach Bagan erleben. Der Kapitaen umschifft im Zickzack-Kurs gekonnt die Untiefen des Wasser, das in der Trockenzeit an vielen Stellen braune, manchmal fuer wenige Monate bewohnte Inseln entstehen laesst. Wegen einem Motorschaden treffen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit in Bagan ein, Aw-gyi ist sichtlich erleichtert, als wir ueber eine schnell konstruierte Anlagestelle aus Bambus und glattgewaschenen Planken an Land gehen. Die Bluete des ehemaligen Koenigreichs Bagan währte von 1044 bis 1312. In diesen 250 Jahren wurden fast alle steinernen Monumente errichtet, gestiftet von Regenten und ihren Familien, aber auch Ministern und gutbetuchten Buergern. Unser Quartier finden wir in Neu-Bagan, wo das Leben der einheimischen Bevoelkerung stattfindet. Gespannt spaehen wir im Dunkeln aus dem Fenster, um im Vorbeifahren einen Blick auf eines der 2230 Sakralbauwerke zu erhaschen. Um das ganze Ausmass dieses Tempelareals zu erkennen, steigen wir am naechsten Morgen auf einen der sehr gut erhaltenen Ziegelbauten und lassen unsere Blicke ueber die unzaehligen hti (schirmfoermiger Abschluss einer Tempelspitze) schweifen. Am eindruecklichsten ist dies, wenn die Sonne hinter der einst so maechtigen Stadt untergeht. Der feuerrote Ball versinkt tiefer in den dunstigen Horizont, zieht seinen violetten Glanz zurueck ueber die flachen Ufer des Irawadi und streichelt sanft die rotgoldenen Backsteinfassaden der Tempel, Stupas und Pagoden, die sich in einer versteppten Ebene auf gut 40 Quadratkilometer draengen. Nach wenigen Minuten ist die Magie vorbei und schon wuenscht man sich den fluechtigen Augenblick zurueck. Doch es bleibt noch Zeit: In den folgenden drei Tagen erleuchten wir mit Stirnlampe die farbenpraechtigen Wandzeichnugen, kurven mit "Damenkoerbchen" auf holprigen Wegen um die bis zu 60 Meter hohen Pyramidenbauten und finden Abkuehlung im hoteleigenen Pool mit kuenstlichem Wasserfall.

Um den Kreis zurueck nach Yangoon zu schliessen, steht eine anstrengende Reise auf teilweise schlecht ausgebauten Strassen bevor. Aw-gyi umkurvt trotz heftiger Magenverstimmung, die ihn bei jedem Halt auf die Toilette jagt, die fiesen Schlagloecher routiniert, die aufputschende Wirkung der Betelnuss haelt seine Sinne geschaerft. Yangoon ist keine schoene Stadt, zu Fuss kommt man entlang den von Mauern abgeschirmten Prachtstrassen nicht weit und auch das historische Zentrum laedt weniger zu einem Spaziergang ein. Trotzdem finden wir um den Kandawgyi-See eine kleine Oase in diesem verstaubten Moloch. Vom rundum laufenden Teaksteg aus sehen wir die diamantenbesetzte Spitze der Shwedagon-Paya: eine wunderschoene Stupa, die heiligster Ort in Burma und Stilikone einer ganzen Stadt zugleich ist. Mona fuehlt sich wie ein Filmstar, als Bauern, die aus dem fernen Mon-State an diesen Pilgerort angereist sind, mit ihr vor der Kamera posieren moechten. Nicht nur wegen diesem Ereignis gewinnen wir die Burmesen sehr lieb, vorallem die Menschen in diesem politisch gebeutelten Land haben unsere Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht. An unserem letzten Abend laedt uns Aw-gyi zu sich nach Hause ein, um uns seine 14 Monate alte Tocher und seine Frau persoenlich vorzustellen. Er nimmt sein kahlgeschorenes Baby auf den Arm und ist sichtlich stolz, als er uns laotische Spezialitaeten auftischen kann. Die ganzen zwei Wochen haben wir versucht, ihn von den Vorzuegen der italienischen Pizza zu ueberzeugen, doch er ist immer mit den Worten "too sticky for me" zur naechsten Strassenkueche gefluechtet. Vor unserem Abflug druecken wir ihm traurig unsere letzten Kyats in die Hand und hoffen, dass wir den "Betelnuss-Koenig von Myanmar" eines Tages wiedersehen werden. Bereits in der Luft hallen Aw-gyis Worte "All we want is democracy" in unseren Koepfen nach.

Fotos Myanmar


Tempel in Ava

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